
In unserem Agenturalltag begleiten wir Unternehmen unterschiedlichster Grösse bei ihren Kommunikations- und Marketingherausforderungen. Häufig beginnt eine Zusammenarbeit mit strategischen Fragestellungen: Wer ist unsere Zielgruppe? Wie positionieren wir uns? Welche Botschaften möchten wir vermitteln? Welche Kanäle passen zu uns? Diese Grundlagen sind das Fundament für erfolgreiches Marketing – und fester Bestandteil unseres KMU Marketing Bootcamps.
Ein Workshop vor einigen Wochen hat mir jedoch wieder einmal gezeigt, dass gute Beratung nicht nach Lehrbuch funktioniert. Manchmal brauchen Unternehmen keinen weiteren Marketingkurs, sondern jemanden, der zuhört, mitdenkt, hinterfragt und hilft, den nächsten Schritt wieder zu sehen.
Auslöser war die Anfrage zur strategischen Unterstützung eines kleinen Start-ups, das aus zwei engagierten Personen besteht. Sie bauen ihr Unternehmen aktuell nebenberuflich auf, konnten bereits erste Kundinnen und Kunden gewinnen und verfügen über ein spannendes Angebot. Gleichzeitig bewegen sie sich in einem sehr speziellen Markt. Ihre Zielgruppe ist klein, klar definiert und bewegt sich grösstenteils im Umfeld von Vereinen und Freiwilligenorganisationen. Wer in diesem Bereich tätig ist, weiss, dass die Menschen oft schwierig zu erreichen sind und die Zahlungsbereitschaft nicht mit klassischen Märkten vergleichbar ist. Marketing muss hier gezielt eingesetzt werden, denn Zeit und Budget sind begrenzte Ressourcen.
Wie viele junge Unternehmen verfügten auch sie nicht über grosse finanzielle Möglichkeiten. Deshalb schlugen wir ihnen zwei Varianten vor. Einerseits unser KMU Marketing Bootcamp, das im Herbst stattfindet und einen strukturierten Einstieg in die strategische Marketingplanung bietet. Andererseits einen individuellen Workshop, in dem wir uns vollständig auf ihre aktuelle Situation konzentrieren und gemeinsam Lösungen für ihre konkreten Herausforderungen entwickeln. Sie entschieden sich für den Workshop – und rückblickend war genau das die richtige Entscheidung.
Ich bereitete den Termin zunächst wie gewohnt vor. Mein Plan war, gemeinsam die strategischen Grundlagen zu schärfen, über Positionierung, Zielgruppen und Kommunikation zu sprechen und daraus anschliessend konkrete Massnahmen abzuleiten. Doch bereits nach den ersten Minuten im Gespräch merkte ich, dass dieser Weg in ihrem Fall kaum zusätzlichen Mehrwert schaffen würde.
Die beiden hatten sich bereits intensiv mit ihrem Unternehmen auseinandergesetzt. Sie konnten ihre Zielgruppe klar beschreiben, wussten, welche Bedürfnisse ihre Kundinnen und Kunden haben und hatten sich viele Gedanken über ihre Positionierung gemacht. Auf viele meiner Fragen lagen bereits klare Antworten bereit. Natürlich hätte man einzelne Aspekte noch weiter vertiefen oder theoretisch ausbauen können. Doch je länger wir miteinander sprachen, desto deutlicher wurde mir, dass ihnen nicht das Wissen fehlte. Sie wussten eigentlich sehr genau, wo sie hinwollten.
Was ihnen fehlte, war etwas ganz anderes.
Sie hatten sich in den vergangenen Monaten so intensiv mit ihrem Marketing beschäftigt, dass sie den Blick für den nächsten konkreten Schritt verloren hatten. Ideen gab es genug. Sie hatten Möglichkeiten für Social Media gesammelt, über Kooperationen nachgedacht, neue Dienstleistungen entwickelt und bereits einige Massnahmen ausprobiert oder angedacht. Das Problem bestand nicht darin, dass ihnen die Kreativität fehlte. Das Problem war vielmehr, dass jede Idee gleich wichtig erschien. Sie wussten nicht mehr, womit sie beginnen sollten, und hatten sich dadurch unbewusst selbst blockiert.
Ich glaube, viele Unternehmerinnen und Unternehmer kennen dieses Gefühl gut. Man liest Fachartikel, hört Podcasts, tauscht sich mit anderen aus und je mehr man sich informiert, desto mehr Möglichkeiten sieht man auch. Das ist grundsätzlich eine gute Entwicklung. Problematisch wird es erst, wenn daraus keine Entscheidung mehr folgt, sondern nur noch weiteres Abwägen. Genau an diesem Punkt befanden sich die beiden Gründer.
Unser Workshop entwickelte sich deshalb sehr schnell zu einem offenen Austausch. Wir diskutierten ihre aktuellen Herausforderungen, hinterfragten bisherige Massnahmen, entwickelten neue Ideen und erlaubten uns bewusst, auch einmal ausserhalb ihres gewohnten Musters zu denken. Es entstand ein kreatives Brainstorming, bei dem wir jede Idee zunächst einmal zuliessen, bevor wir sie bewerteten oder wieder verwarfen.
Gute Beratung heisst nicht immer, Antworten zu liefern – oft heisst sie, die richtigen Fragen zu stellen und Menschen zu helfen, ihre eigenen Gedanken weiterzudenken. Ihre Ideen mussten nicht neu erfunden, sondern hervorgeholt, weiterentwickelt und in einen grösseren Zusammenhang gebracht werden.
Eine zweite Herausforderung, die sich im Verlauf des Gesprächs zeigte: Kaum war eine Idee formuliert, relativierten die beiden sie schon wieder – “Vielleicht funktioniert das sowieso nicht”, “Das ist wahrscheinlich zu gewagt”. Verständlich, wenn man mit viel Herzblut, Geld und Zeit ein Unternehmen nebenberuflich aufbaut. Man möchte möglichst keine Fehler machen und wägt deshalb jede Entscheidung sorgfältig ab. Gleichzeitig habe ich versucht, ihnen genau in diesem Punkt eine andere Perspektive mitzugeben.
Gerade als Start-up darf man sich von der Angst vor Fehlern nicht ausbremsen lassen. Junge Unternehmen haben einen entscheidenden Vorteil: Sie können mutig sein, Ideen testen, schnell reagieren, ohne endlose Freigabeschlaufen und Hierarchien durchlaufen zu müssen. Bei einer kleinen, klar definierten Zielgruppe reichen Standardmassnahmen oft nicht aus. Es braucht Überraschungsmomente und den Mut, auch mal etwas Ungewohntes auszuprobieren. Das braucht anfangs Überwindung, wird sich mit der Zeit aber auszahlen.
Ein weiterer zentraler Teil des Workshops bestand darin, bisherige Ideen sichtbar zu machen. Vieles existierte nur in ihren Köpfen oder verteilt auf Notizen. Gemeinsam sammelten wir alle Massnahmen, ordneten sie den Kommunikationskanälen zu und brachten Struktur ins Gedankenchaos. Plötzlich war klar: Was hat Priorität, was lässt sich kurzfristig umsetzen, was darf bewusst warten? Gerade für kleine Unternehmen ist diese Priorisierung entscheidend. Mit begrenzten personellen Ressourcen lässt sich nicht jeder Kanal gleichzeitig bespielen und nicht jede Idee sofort realisieren.
Auch die Website war Thema – nicht als kompletter Neustart, sondern mit konkreten, machbaren Verbesserungen und Quick Wins. Wir gingen die Website durch und ich gab mein ehrliches Feedback. Oft lassen sich mit kleineren Änderungen schon spürbare Unterschiede erzielen und auch hier war es mir wichtig, dass sie mit konkreten nächsten Schritten aus dem Gespräch gehen konnten.
Was mich an diesem Workshop besonders beschäftigt hat ist, dass Strategie oft als theoretische Übung wahrgenommen wird, dabei soll sie den Alltag einfacher machen. Genau das konnten wir in diesem Workshop erleben. Die strategischen Überlegungen bekamen plötzlich einen ganz konkreten Nutzen. Sie halfen dabei, Prioritäten zu setzen, Ideen zu bewerten und Entscheidungen schneller zu treffen. Strategie war nicht länger ein Dokument oder ein Modell, sondern wurde zu einer praktischen Entscheidungshilfe.
Am Ende des Workshops lag deshalb keine seitenlange Präsentation auf dem Tisch. Viel wertvoller war, dass die beiden Gründer wieder Klarheit gewonnen hatten. Sie wussten, welche Ideen sie als Erstes umsetzen möchten, welche Projekte bewusst warten dürfen und wie die nächsten Wochen aussehen sollen. Vor allem aber hatten sie ihre Motivation zurückgewonnen. Aus Unsicherheit war wieder Vorfreude geworden und aus einem Gedankenchaos ein konkreter Plan.
Für mich war dieser Workshop deshalb nicht nur für das Start-up, sondern auch für mich eine wertvolle Erfahrung. Er hat mich einmal mehr daran erinnert, dass gute Beratung nicht bedeutet, stur einem Prozess zu folgen. Sie bedeutet, zuzuhören, flexibel zu bleiben und Unternehmen genau dort abzuholen, wo sie im Moment stehen. Manchmal fehlen nicht die Ideen und auch nicht das Wissen. Manchmal braucht es einfach jemanden, der hilft, den Nebel zu lichten, Gedanken zu ordnen und den Mut zurückzugeben, den nächsten Schritt zu gehen.
Und genau darin sehen wir unsere Aufgabe: nicht nur Strategien und Ideen zu entwickeln, sondern Unternehmen dabei zu unterstützen, wieder ins Tun zu kommen. Denn am Ende entfaltet Marketing seine Wirkung nicht auf dem Papier, sondern erst dann, wenn gute Ideen umgesetzt werden.